Ein Seitenklapper beim Gleitschirmfliegen ist erst einmal kein dramatisches Ereignis. Sobald wir mit unserer nicht starren Fläche durch bewegte Luft fliegen, beginnt der Gleitschirm und das Pendel aus Schirm und Pilot zu arbeiten. Manchmal rollt sich auch der Außenflügel ein, ohne dass der Bremsdruck merklich nachlässt. Ein größerer Einklapper ist oft am Nachlassen des Bremsdrucks und eventuell sogar am einseitigen Entlasten der Tragegurte erkennbar. Beim Einklappen des Gleitschirms treten aerodynamisch viele Effekte auf. Der Widerstand steigt plötzlich an und lässt wieder nach. Die Fläche, die Auftrieb erzeugt, wird drastisch verkleinert. Auch das noch tragende Profil verbiegt sich weit weg von seiner ursprünglichen Form. Schauen wir uns im folgenden Teil die Effekte und deine Reaktionen darauf an.
Reaktion auf einen Klapper
Stoppe das Pendel
Die erste Auswirkung eines Klappers ist das Entstehen einer Pendelbewegung. Eine wichtige Fähigkeit, die du beim Sicherheitstraining lernst, ist das Stoppen des Pendels im richtigen Moment mit dem richtigen Input. Zunächst stellt sich das System aus Gleitschirm und dem darunterhängenden Gewicht auf. Einen Moment später schlägt das Pendel in die Gegenrichtung aus und der Gleitschirm kommt nach vorne. Wenn der Schirm wieder über dir angekommen ist, ist der richtige Zeitpunkt, um ihn mit einem Bremsimpuls zu stoppen. Wichtig ist: Stoppe ihn noch nicht, solange er sich noch aufstellt. Dadurch würdest du die Steigbewegung verstärken und wertvollen Bremsweg für das anschließende Stoppen verbrauchen.
Impulssteuerung:
Phase 1: Sobald du siehst oder spürst, dass dein Schirm nach vorne kommt, gehe aus deiner Ausgangsstellung rasch auf die Bremse um diese Dynamik zu stoppen. Der Bremsweg muss nicht riesig sein, aber begrenze dich nicht auf den Weg bis zum Karabiner.
Phase 2: Halte die Bremse und den Bremsdruck, bis das Pendel zum Stillstand gekommen ist und die gewünschte Wirkung erzielt wurde. Spüre in die Bremse hinein. Solltest du einen nachlassenden Bremsdruck als Anzeichen eines beginnenden Strömungsabrisses spüren, gib sofort die Bremse frei.
Phase 3: Gib die Bremse wieder frei und bereite dich darauf vor, den Schirm in der Öffnungsphase am Wegdrehen zu hindern. Der hierfür benötigte Bremsweg ist deutlich kleiner als der, der zum Abfangen des Schirms nötig war.
Flugrichtung kontrollieren
Nachdem du das Pendel gestoppt hast, kontrolliere als Nächstes die Flugrichtung deines Gleitschirms. Dabei ist es wichtig, die Störung im Schirm zunächst zu ignorieren und stattdessen den Luftraum um dich herum nach der besten Flugrichtung abzusuchen (weg von allen Hindernissen). Anschließend steuerst du deinen Gleitschirm mit sanften Korrekturen über die Bremse in den freien Luftraum. Sollte dein Schirm nicht sofort wieder öffnen kannst die eingeklappte Seite entlasten, indem du dein Gewicht im Tragegurt auf die offene Seite verlagerst. Dadurch wird die Tendenz zum Wegdrehen auf die geklappte Seite abgeschwächt. Der Input, den du dafür auf der Bremse brauchst, ist im Vergleich zum ersten Impuls, um das Pendel zu stoppen, jetzt eher klein und sehr dosiert.
Öffnung zulassen und unterstützen
Ich schreibe ganz bewusst nicht: „Öffne deinen Gleitschirm”. Das tut er in den allermeisten Fällen nämlich von allein. Deine Aufgabe ist es, die Flugrichtung und das Pendel zu kontrollieren und dem Schirm somit die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu reparieren. Erst, wenn du merkst, dass sich der Schirm nicht oder nur sehr verzögert öffnet, kannst du nachhelfen. Wenn du noch im Beschleuniger bist, gehe auf jeden Fall als erste Maßnahme komplett aus dem Speedsystem. Kräftige, aber kurze Bremsimpulse auf der geklappten Seite können dem Schirm ebenfalls helfen.
Checkliste Klapper
👀 Sammle Informationen
Dein Blick geht zur Kappe. Sammle alle wichtigen Informationen über die Art der Deformation, um deine Reaktion planen zu können. Wenn noch etwas vom Schirm zu sehen ist, bereite dich darauf vor, diese jetzt vielleicht nach vorne schießende Seite zu stoppen. Wenn dein Schirm nur noch ein Knäuel ist, warte, bis du wieder etwas siehst, worauf du reagieren kannst. Bremse jetzt nur in Impulsen, je nach Art des Klappers ist dei Gefahr eines unbeabsichtigten Strömungsabrisses jetzt hoch.
❌Keine vorbeugende, große Steuerinputs
Im ersten Moment einer großen Deformation nimmt der Widerstand zu. Dein Schirm reagiert darauf, indem er langsamer wird. Durch die Massenträgheit schwingst du nach vorne und das Pendelsystem aus Schirm und Pilot „richtet sich auf“. Hier kannst du das Pendel noch nicht stoppen. Warte, bis der Schirm über dich oder vor dich kommt und stoppe ihn dann.
⚡️Stoppe das Pendel
Nachdem sich das Pendel im ersten Moment aufgestellt hat, wird es nun in die entgegengesetzte Richtung ausschlagen und der Schirm wird nach vorne kommen. Stoppe ihn, wenn er über dich kommt. Benutze dazu einen kräftigen Bremsimpuls. Es ist besser, den Schirm zu stark zu bremsen als zu wenig. Vergiss nicht, die Bremsen danach wieder freizugeben.
🧭 Korrigiere die Flugrichtung
Sehr gut, du hast die meiste Energie aus der Situation genommen, indem du das Pendel gestoppt hast. Jetzt schaue zum Horizont und lenke deinen Schirm mit dosiertem Bremsleineneinsatz in die Richtung, in die du fliegen möchtest. Wahrscheinlich ist der Schirm jetzt schon wieder offen. Wenn nicht, konzentriere dich darauf, den Schirm zu steuern und gib ihm Zeit.
🛟 Unterstütze die Kappe bei der Wiederöffnung
Wenn du Höhe, Platz und Zeit hast, schau nach oben zum Schirm. Während du Höhe, Kurs und Hindernisse im Auge behältst, kannst du dem Schirm helfen, sich wieder zu öffnen. Mehr dazu findest du im Kapitel Verhänger.
Gefahren
Bei Klappern kommt es zu Bewegungen des Systems Pilot-Gleitschirm um alle Achsen. Diese müssen durch Bremseingriffe in der richtigen Dosierung und zum richtigen Zeitpunkt abgefangen werden. Wird zu wenig korrigiert, kann es sein, dass der Schirm nach wenigen Sekunden in eine Spirale auf die eingeklappte Seite übergeht. Wird die Flugrichtung hingegen zu stark korrigiert, kann der Gleitschirm in eine Spirale auf die offene Seite übergehen oder sogar die Strömung abreißen. Wird der Schirm bei den beschleunigten Klappern nicht abgefangen, kann er so weit nach vorne schießen, dass er dort einklappt. Durch den asymmetrischen Zug an den Tragegurten kann es dann auch schnell zu einem Twist der Tragegurte kommen. Dieser Twist in Verbindung mit einer Spiralbewegung ist nur sehr schwer zu lösen und eine der häufigsten Ursachen für das Auslösen des Rettungsgerätes. Wenn dir die A-Leinen aus der Hand gerissen werden und der Schirm „aufschlägt“, kann es zu einem Gegenklapper kommen. Durch den gleichzeitig plötzlich hohen Anstellwinkel ist der Schirm dem Strömungsabriss sehr nahe. Klapper lassen sich gut trainieren, da du die Intensität gut dosieren und langsam steigern kannst. Gerade bei den beschleunigten Klappern erwartet dich aber oft eine ungeahnte Dynamik des Schirms, die es dann zu kontrollieren gilt.