Ein Seitenklapper beim Gleitschirmfliegen ist zunächst kein dramatisches Ereignis. Sobald wir mit unserer nicht starren Fläche durch bewegte Luft fliegen, beginnt der Gleitschirm und das Pendel aus Kappe und Pilot zu arbeiten. Manchmal rollt sich auch der Außenflügel ein, ohne dass der Bremsdruck merklich nachlässt. Kommt es zu einem stärkeren Einklapper, erkennt man dies oft am Nachlassen des Bremsdruckes und vielleicht sogar am einseitigen Entlasten der Tragegurte. Beim Einklappen des Gleitschirms treten aerodynamisch viele Effekte auf. Der Widerstand steigt plötzlich an und lässt wieder nach. Die Fläche, die Auftrieb erzeugt, wird drastisch verkleinert. Auch das noch tragende Profil verbiegt sich weit weg von seiner ursprünglichen Form.
Reaktion auf einen Klapper
Stoppe das Pendel
Die erste Auswirkung eines Klappers ist das Entstehen einer Pendelbewegung. Eine wichtige Fähigkeit, die du beim Sicherheitstraining erlernst, ist es, das Pendel im richtigen Moment mit dem richtigen Impuls wieder zum Stillstand zu bringen. Zunächst stellt sich das System aus Gleitschirm und dem darunterhängenden Gewicht auf. Einen Moment später schlägt das Pendel in die Gegenrichtung aus und der Gleitschirm kommt nach vorne. Wenn der Schirm über dir angekommen ist, ist der richtige Zeitpunkt, um ihn mit einem Bremsimpuls zu stoppen. Wichtig ist: Stoppe ihn noch nicht, solange er sich noch aufstellt. Dadurch würdest du die Steigbewegung verstärken und wertvollen Bremsweg für das anschließende Stoppen verschenken.
Flugrichtung kontrollieren
Nachdem du das Pendel gestoppt hast, kontrolliere als Nächstes die Flugrichtung deines Gleitschirms. Dabei ist es wichtig, die Störung im Schirm zunächst zu ignorieren und stattdessen den Luftraum um dich herum nach der besten Flugrichtung abzusuchen (weg von allen Hindernissen). Anschließend steuerst du deinen Gleitschirm mit sanften Korrekturen über die Bremse dorthin. Du kannst die eingeklappte Seite entlasten, indem du dein Gewicht im Tragegurt auf die offene Seite verlagerst. Dadurch wird die Tendenz zum Wegdrehen auf die geklappte Seite abgeschwächt. Der Input, den du dafür auf der Bremse brauchst, ist im Vergleich zum ersten Impuls, um das Pendel zu stoppen, jetzt eher klein und sehr dosiert.
Öffnung zulassen und unterstützen
Ich schreibe ganz bewusst nicht: „Öffne deinen Gleitschirm”. Das tut er in den allermeisten Fällen nämlich von allein. Deine Aufgabe ist es, die Flugrichtung und das Pendel zu kontrollieren und dem Schirm somit die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu reparieren. Erst, wenn du nach vielen Sekunden merkst, dass sich der Schirm nicht oder nur sehr verzögert öffnet, solltest du nachhelfen. Wenn du noch im Beschleuniger bist, gehe auf jeden Fall als erste Maßnahme komplett aus dem Speedsystem. Kräftige, aber kurze Bremsimpulse auf der geklappten Seite können dem Schirm ebenfalls helfen.
Sammel Informationen
Dein Blick geht zur Kappe. Sammle alle wichtigen Informationen über die Art der Deformation, um deine Reaktion planen zu können. Wenn noch etwas vom Schirm zu sehen ist, bereite dich darauf vor, diese jetzt vielleicht nach vorne schießende Seite zu stoppen. Wenn dein Schirm nur noch ein Knäuel ist, warte, bis du wieder etwas siehst, worauf du reagieren kannst.
Keine vorbeugende, große Steuerinputs
Im ersten Moment einer großen Deformation nimmt der Widerstand zu. Dein Schirm reagiert darauf, indem er langsamer wird. Durch die Massenträgheit schwingst du nach vorne und das Pendelsystem aus Schirm und Pilot „richtet sich auf“. Hier kannst du das Pendel noch nicht stoppen. Warte, bis der Schirm über dich oder vor dich kommt und stoppe ihn dann.
Stoppe das Pendel
Nachdem sich das Pendel im ersten Moment aufgestellt hat, wird es nun in die entgegengesetzte Richtung ausschlagen und der Schirm wird nach vorne kommen. Stoppe ihn, wenn er über dich kommt. Benutze dazu einen kräftigen Bremsimpuls. Es ist besser, den Schirm zu stark zu bremsen als zu wenig. Vergiss nicht, die Bremsen danach wieder freizugeben.
Korrigiere die Flugrichtung
Sehr gut, du hast die meiste Energie aus der Situation genommen, indem du das Pendel gestoppt hast. Jetzt schaue zum Horizont und lenke deinen Schirm mit dosiertem Bremsleineneinsatz in die Richtung, in die du fliegen möchtest. Wahrscheinlich ist der Schirm jetzt schon wieder offen. Wenn nicht, konzentriere dich darauf, den Schirm zu steuern und gib ihm Zeit.
Unterstütze die Kappe bei der Wiederöffnung
Wenn du Platz und damit Zeit hast, schau nach oben zum Schirm. Während du Höhe, Kurs und Hindernisse im Auge behältst, kannst du dem Schirm helfen, sich wieder zu öffnen. Mehr dazu findest du im Kapitel Verhänger.
Wie wird der Seitenklapper simuliert?
Um einen kleinen Seitenklapper zu simulieren, nimmst du die Bremse der zu klappenden Seite locker um dein Handgelenk, suchst die äußerste A-Leine, greifst weit oben hinein und ziehst sie kräftig nach unten. Dein Gleitschirm wird nun auf dieser Seite ein Öhrchen anlegen. Sollte dein Schirm auf die eingeklappte Seite drehen wollen, stabilisiere die Flugrichtung durch sanften Zug an der Bremse der offenen Seite. Um den Klapper wieder zu lösen gib die A-Leinen wieder frei. Du kannst nun die Größe des Klappers immer weiter vergrößern, indem du nach und nach mehr A-Leinen hinzunimmst, bis du auf einer Seite alle A-Leinen heruntergezogen hast. Durch Anklipsen der Bremse kann die Flächentiefe des Klappers weiter vergrößert werden. Wenn du in thermisch aktiver Luft fliegst und auch den Beschleuniger benutzt, ist es sinnvoll, auch beschleunigte Klapper zu trainieren. Dazu gehst du in den Beschleuniger, bevor du den Klapper ziehst. Die Reaktion deines Schirms wird nun immer dynamischer werden, er wird sich nach dem Auftreten der Deformation kurz aufstellen und dann nach vorne nicken. Je mehr du bei diesem Manöver beschleunigst, desto stärker wird die Nickbewegung nach vorne. Leistungsstärkere oder hoch beladene Schirme schießen sogar richtig nach vorne. Wir werden üben, diese Bewegung abzufangen und das Penden möglichst über oder leicht vor dir zu stoppen. Achte darauf, dass du den Schirm erst dann stoppst, wenn er wirklich vor dich kommt. Warte mit dem Bremsimpuls, bis die Kappe auf dem Weg nach vorne über dir angekommen ist. Dann gilt es, die Flugrichtung des Gleitschirms mit einem angepassten Bremsinput zu stabilisieren.
Ablauf kleiner simulierter Seitenklapper
- Nehme eine natürliche Körperhaltung ein, lehne dich im Gurtzeug zurück
- Klipse auf der zu klappenden Seite die Bremse an den Tragegurt
- Suche dir die äußerste A-Leine auf der zu klappenden Seite
- Ziehe diese A-Leine in einer großen, bogenförmigen Bewegung herunter
- Halte die A-Leine gut fest
- Blick geht zum Horizont
- Korrigiere über feinen Steuerleinenzug auf der offenen Seite deine Flugrichtung
- Gibt zur Öffnung den Klapper wieder frei
- Korrigiere auch in der Öffnungsphase weiter deine Flugrichtung.
Ablauf großer simulierter Seitenklapper
- Nehme eine natürliche Körperhaltung ein, lehne dich im Gurtzeug zurück
- Klipse auf der zu klappenden Seite die Bremse an den Tragegurt
- Suche dir alle A-Leinen auf der zu klappenden Seite und greife hoch hinein
- Ziehe diese A-Leinen in einer großen, bogenförmigen Bewegung herunter
- Halte die A-Leine gut fest
- Blick geht zum Horizont
- Warte ab, bis der Schirm nach dem ersten Aufstellen wieder über dich kommt
- Bremse ihn über einen dosierten Impuls um ihn am Vorschießen zu hindern
- Löse nach dem Stoppen die Bremse wieder.
- Korrigiere über feinen Steuerleinenzug auf der offenen Seite deine Flugrichtung
- Gibt zur Öffnung den Klapper wieder frei
- Korrigiere auch in der Öffnungsphase weiter deine Flugrichtung.
Ablauf beschleunigter simulierter Seitenklapper
- Nehme eine natürliche Körperhaltung ein, lehne dich im Gurtzeug zurück
- Klipse auf der zu klappenden Seite die Bremse an den Tragegurt
- Beschleunige deinen Schirm
- Suche dir alle A-Leinen auf der zu klappenden Seite und greife hoch hinein
- Ziehe diese A-Leinen in einer großen, bogenförmigen Bewegung herunter
- Halte die A-Leine gut fest
- Blick geht zum Horizont
- Warte ab, bis der Schirm nach dem ersten Aufstellen wieder über dich kommt
- Gib einen Bremsimpuls um den Schirm am Vorschießen zu hindern
- Löse nach dem Stoppen die Bremse wieder
- Korrigiere über feinen Steuerleinenzug auf der offenen Seite deine Flugrichtung
- Gibt zur Öffnung den Klapper wieder frei
- Gehe während der Schirm öffnet langsam aus dem Beschleuniger
- Korrigiere auch in der Öffnungsphase weiter deine Flugrichtung
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Ausleitung
Das Öffnen des gehaltenen Klappers erfolgt in umgekehrter Reihenfolge wie die Einleitung.
Beschleuniger treten -> Deformation ziehen -> Deformation lösen -> Beschleuniger lösen.
Achte unbedingt darauf, dass du den Beschleuniger nicht zu früh und nicht zu schnell löst. Der Gleitschirm muss bereits einen großen Teil seiner Fläche wieder geöffnet haben. Ansonsten kann es durch vorzeitiges Lösen des Beschleunigers zu einem plötzlichen Ansteigen des Anstellwinkels und damit zu einem Strömungabriss kommen.
Was kann schiefgehen?
Solltest du beim gehaltenen Seitenklapper in eine ungewollte Rotation kommen, kannst du den Klapper jederzeit freigeben. Durch Lösen des Beschleunigers unterstützt du den Öffnungsvorgang. Sollte dein Schirm die Öhrchen gerne drin behalten kannst du ihn durch impulsives Anbremsen auf der geklappten Seite bei der Öffnung des letzten Stückchens unterstützen. Lass deinem Schirm aber Zeit, er wird den Großteil des Klappers von alleine wieder aufmachen.
Gefahren
Bei Klappern kommt es zu Bewegungen des Systems Pilot-Gleitschirm um alle Achsen. Diese müssen durch Bremseingriffe in der richtigen Dosierung und zum richtigen Zeitpunkt abgefangen werden. Wird zu wenig korrigiert, kann es sein, dass der Schirm nach wenigen Sekunden in eine Spirale auf die eingeklappte Seite übergeht. Wird die Flugrichtung hingegen zu stark korrigiert, kann der Gleitschirm in eine Spirale auf die offene Seite übergehen oder sogar die Strömung abreißen. Wird der Schirm bei den beschleunigten Klappern nicht abgefangen, kann er so weit nach vorne schießen, dass er dort einklappt. Durch den asymmetrischen Zug an den Tragegurten kann es dann auch schnell zu einem Twist der Tragegurte kommen. Dieser Twist in Verbindung mit einer Spiralbewegung ist nur sehr schwer zu lösen und eine der häufigsten Ursachen für das Auslösen des Rettungsgerätes. Wenn dir die A-Leinen aus der Hand gerissen werden und der Schirm „aufschlägt“, kann es zu einem Gegenklapper kommen. Durch den gleichzeitig plötzlich hohen Anstellwinkel ist der Schirm dem Strömungsabriss sehr nahe. Klapper lassen sich gut trainieren, da du die Intensität gut dosieren und langsam steigern kannst. Gerade bei den beschleunigten Klappern erwartet dich aber oft eine ungeahnte Dynamik des Schirms, die es dann zu kontrollieren gilt.