Ein Gleitschirm fliegt, weil an seinem Profil Kräfte entstehen, sobald es von Luft umströmt wird. Die Beziehungen zwischen diesen Kräften lassen sich relativ anschaulich mit dem Konzept des Anstellwinkels in Zusammenhang bringen. Der Anstellwinkel beschreibt die Richtung, aus der die anströmende Luft auf das Profil trifft. Klapper treten zum Beispiel dann auf, wenn der Anstellwinkel zu klein wird.
Was ist der Anstellwinkel?
Profilsehne

Die Profilsehne ist eine gedachte Linie, die den vordersten und den hintersten Punkt deines Gleitschirmprofils verbindet. Stell dir vor, du schneidest deinen Gleitschirm in der Mitte durch und ziehst dann mit einem großen Lineal eine Linie von vorne nach hinten. Das ist deine Profilsehne. Du kannst sie mit der Bremse und dem Beschleuniger beeinflussen.
Anströmrichtung

Wenn dein Gleitschirm durch die Luft fliegt, wird er nicht von vorne, sondern von schräg unten angeströmt. Würde er genau von vorne angeströmt werden, würdest du endlos gleiten. Das ist eine schöne Vorstellung, aber ohne Antrieb funktioniert das nicht. Die Richtung der Anströmung ist die zweite Gerade, die wir benötigen, um den Anstellwinkel zu bilden.
Anstellwinkel

Der Anstellwinkel beschreibt den Winkel zwischen Profilsehne und Anströmrichtung und wird häufig mit dem griechischen Buchstaben Alpha (α) abgekürzt.
Normalzustand (Anstellwinkel bei Trimmgeschwindigkeit)

Wenn du die Bremsen vollständig freigibst, fliegt der Schirm mit dem ihm durch das Profil und die Leinenlänge vorgegebenen leicht positiven Anstellwinkel. Das große Pendel, das durch die langen Leinen und dein Gewicht unter dem Schirm entsteht, bringt ihn immer wieder in diese Ausgangslage zurück, sofern keine äußeren Störfaktoren wirken. Dein Gleitschirm gleitet also nicht wie ein Schlitten einen Berg hinunter durch die Luftmasse, sondern wird „mit der Nase nach oben” durch den Vortrieb in Flugrichtung gezogen. Dieser Vortrieb ist Teil der Gesamtluftkraft, die durch die aerodynamischen Kräfte am Profil entsteht.
Wie erkenne ich den Anstellwinkel?
Der Anstellwinkel lässt sich beim Gleitschirmfliegen nur sehr schwer erfassen. Es gibt jedoch einige Begleiterscheinungen, die du mit etwas Erfahrung gut einschätzen kannst. Wenn du zum Beispiel immer langsamer wirst, also der Anstellwinkel tendenziell immer größer wird, wirst du spüren, dass die Windgeräusche nachlassen und sich das Fluggefühl verändert. Wenn du den Gleitschirm anbremst, spürst du, wie der Bremsdruck zunimmt. All das sind Zeichen für einen hohen Anstellwinkel. Wenn du hingegen schnell fliegst und vielleicht sogar deinen Beschleuniger nutzt, ist der Anstellwinkel klein. Die tatsächliche Lage im Raum erlaubt dabei nicht unbedingt Rückschlüsse auf den Anstellwinkel, da sie sich durch den Pendeleffekt immer wieder ausgleicht.
Hoher Anstellwinkel
- Wenig Windgeräusche, es wird still
- Bremsdruck nimmt zu
- Manche Schirme verbiegen sich, wenn die Strömung am Außenflügel anfängt, abzureißen.
- Dein Gleitschirm kann hinter dir sein
Niedriger Anstellwinkel
- Du bist schnell unterwegs, hohe Windgeräusche
- Der Gleitschirm ist vor dir
- Langer Bremsweg / Weiche Bremsen
Beeinflussung des Anstellwinkels
Wirkung der Bremsen
Wenn du an der Bremse ziehst, verändert sich der Anstellwinkel auf mehrere Arten. Du ziehstz die Hinterkante deines Profils nach unten, wodurch sich auch die Profilsehne verschiebt. Dadurch erzeugt dein Gleitschirm mehr Auftrieb und Widerstand, während sich dein Gleitwinkel verschlechtert. Dadurch wird der Gleitschirm nun in einem größeren Winkel von schräg unten angeströmt. Beide Effekte führen dazu, dass der Anstellwinkel größer wird. Dies macht sich durch einen erhöhten Bremsdruck bemerkbar.
Wirkung des Beschleunigers
Durch Treten des Beschleunigers wird der vordere Teil des Gleitschirmprofils nach unten gezogen. Dadurch neigt sich die Profilsehne nach unten und der Anstellwinkel wird kleiner.
Die aerodynamischen Grenzen beim Gleitschirm
Wenn der Anstellwinkel des Gleitschirms zu groß wird, reißt die Strömung ab. Ist er zu klein, klappt der Gleitschirm ein. Es gibt also harte aerodynamische Grenzen. Beim aktiven Fliegen geht es immer darum, den Gleitschirm in einem für ihn gesunden Anstellwinkel zu halten.